|
Shakespeare genießt eine einmalige Position in der Welt, unübertroffen von irgendeinem anderen Schriftsteller. Während es andere große europäische Dramatiker aus dem 17. Jahrhundert gibt (Racine und Calderon, um nur zwei zu nennen), hat kein anderer Dramatiker so eine zeitgenössische Resonanz in der modernen Welt gefunden wie Shakespeare. Er scheint alle nationalen Grenzen und historischen Epochen zu überwinden. Von Asien bis Amerika, von Europa bis Afrika und im Mittleren Osten finden Menschen etwas in seinen Arbeiten, das ihre persönlichen Erfahrung umfassend wiederspiegelt. Wie kommt das? Wenn man die Arbeit von Shakespeare untersucht, findet man sehr wenig Philosophie oder religiösen Glauben. Was man aber findet, ist ein ausführlicher, diskursiver, chaotischer Schriftsteller, ein Mann, der etwas zu fast jedem vorstellbaren Thema zu sagen hat, ein unruhiger, suchender Geist, der mehr Fragen aufwirft, als er beantwortet. Natürlich schrieb er zu einer Zeit großen gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Aufruhres - etwas sehr Vertrautes für uns, die wir in der modernen Welt leben. Seine Welt, wie die unsere, scheint an der Abwesenheit eines philosophischen Systems zur Reflektion des Glaubens zu leiden. Anstatt einer soliden, theoretischen Struktur von Gedanken, findet man sich in einer Welt in Aufruhr in der man sich mit moralischen Dilemmata konfrontiert sieht, die sich aufhäufen, bis sie uns überwältigen. Seine Stücke sind, ganz einfach, moralische Erzählungen, in denen der Mensch versucht, seinen Weg zu finden, nicht nur durch die Dunkelheit in der Welt, sondern auch durch die Dunkelheit in sich, die undurchdringlichen Schatten des menschlichen Herzens.
|
|